Fakten und Meinung

Blog vom 19.04.2017_Bullying und Mobbing - Schattenseiten im Leben der Jugend von heute

Achtung, öffnet in einem neuen Fenster.  E-Mail

Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, den 20. April 2017 um 05:59 Uhr

Holger Eich

"Bullying" und Mobbing - Schattenseiten im Leben der "Jugend von heute"

18.7% der deutschen Jugendlichen erleben in der Schule körperliche oder seelische Gewalt („Bullying“), 15.7 % werden gemobbt. Die Schule ist damit einer der Orte, an dem Kinder und Jugendliche am häufigsten Gewalterfahrungen machen müssen - durch andere SchülerInnen ebenso wie durch LehrerInnen. Auch in Österreich ist die Schule ein gefährliches Pflaster für Kinder.

Im letzten Blog haben wir über die Zunahme von emotionaler Misshandlung in der jetzigen Jugendgeneration berichtet. Doch findet so etwas nur „zu Hause“ statt? Emotionale Misshandlung beinhaltet auch Erfahrungen von Mobbing und ist Teil des sog. „Bullying“, das als „Anwendung von Gewalt, Drohung oder Zwang, um andere zu missbrauchen, einzuschüchtern oder aggressiv zu dominieren“ definiert wird.

Die als „PISA“-Studie bekannte Untersuchungsreihe der Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD), die mehr als 500.000 SchülerInnen verschiedenster Nationen im Drei-Jahres-Rhythmus untersucht, berichtet nicht nur über Leistungsergebnisse, sondern auch über die sozialen Erfahrungen der Jugendlichen im Schulalltag.

Die OECD publizierte gestern Teilergebnisse ihrer Umfragen aus dem Jahr 2015 von SchülerInnen in Deutschland: Demnach berichten 18.7% über körperliche oder seelische Misshandlung durch Schüler, 15.7 % sind Opfer von Mobbing in der Schule – mehrmals in einem Monat (s. Tab. 1).

Tab. 1. Gewalterfahrungen deutscher Schüler. OECD, 2017.

 

Die aktuelle Studie beschreibt einen Geschlechterunterschied, der für das weltweite Sample gilt:

"Für Mädchen ist es weniger wahrscheinlich als für Jungens, dass sie Opfer körperlicher Aggressionen, 
aber wahrscheinlicher, dass sie Objekt übler Gerüchte werden" (Übers. HE). 1

Die Detailergebnisse aus Österreich sind bis dato noch nicht publiziert worden.

Allerdings liegt eine ähnliche Studie vor, die 2016 veröffentlicht worden ist und die auch einen Ländervergleich erlaubt - die WHO-Studie mit Umfrage-Ergebnissen von 2013 und 2014:

Österreichische Kinder sind hier in enorm hohem Ausmaß betroffen! Jeder 5. elfjährige Bub berichtet darüber, in den letzten Monaten mindestens 2mal Opfer von Bullying gewesen zu sein (20%) und gut jedes 8. Mädchen (12 %). Bei den 13-Jährigen steigt der Anteil der Mädchen (17%), bei den Burschen bleibt er fast gleich (21%). Wenn die Jugendlichen 15 werden, scheint das Phänomen – in allen untersuchten Ländern – abzunehmen (für Österreich berichten 8 % der Mädchen und 12 % der Burschen Opfer geworden zu sein).

Abb. 1. Gewalterfahrungen 11-, 13- und 15-Jähriger im Ländervergleich ("mindestens 2- oder 3mal in eiinem Monat in den letzten Monaten") Differenziert nach Mädchen (rot) und Jungens (blau).

Der Vergleich mit 41 anderen Ländern zeigt Österreichische Kinder – nach jenen in baltischen Ländern – im „Spitzenfeld“ der Betroffenheit. Positives „Schlusslicht“ ist übrigens bei den jungen Kindern Armenien, wo nur 1-4% der Kinder von Opfererfahrungen berichten. Abb. 1. zeigt im Vergleich die Erfahrungen von Mädchen und Jungens aus Österreich, Deutschland und Schweden: In Deutschland sind nur rund halb so viele Burschen von Bullying betroffen, in Schweden nur 4 %. Hier überwiegen interessanterweise als Opfer sogar die Mädchen – allerdings auf niedrigem Level.

Diese Zahlen erlauben den Schluss, dass die Institution Schule, besonders für Kinder zwischen 11 und 13 Jahren, in Österreich ein sehr gefährliches Pflaster ist!

Umso wichtiger ist es dann, dass Eltern ihren Kindern als Gesprächs- und Vertrauenspartner zur Verfügung und hilfreich zur Seite stehen. Oft weiß man aber nicht, wie man mit einem Kind bei solchen Erfahrungen umgehen soll – wie weit man sie schützen und behüten muss, und was man ihnen aber auch zumuten kann. Unterstützung in solch schweren Erziehungssituationen gibt es bei uns im Kinderschutzzentrum.

 

Quellen:

OECD (2017) PISA 2015 Results (Volume III): Students' Well-Being, OECD Publishing, Paris.

WHO (2016). Health Behavior in School-Aged Children HBSC Study: Growing up unequal: gender and socioeconomic differences in young people’s health and well-being. http://www.euro.who.int/__data/assets/pdf_file/0003/303438/HSBC-No.7-Growing-up-unequal-Full-Report.pdf  S. 200 ff

 

1 http://www.oecd.org/newsroom/most-teenagers-happy-with-their-lives-but-schoolwork-anxiety-and-bullying-an-issue.htm

 

 

Diesen Beitrag als PDF

 

   

Blog vom 09.04.2017: Jugendliche berichten über mehr emotionale Misshandlung – wer hilft

Achtung, öffnet in einem neuen Fenster.  E-Mail

Holger Eich

Jugendliche berichten über mehr emotionale Misshandlung – wer hilft?

Alle Jahre wieder untersuchen Wissenschaftler im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation WHO anhand des immer gleichen Fragebogens das Ausmaß von Misshandlungserfahrungen in der Kindheit. So entsteht ein Bild über Fort- und Rückschritte in den einzelnen Ländern.

Für Deutschland wurden die Ergebnisse der Erhebungen von 2016 gerade präsentiert1.  Zusammenfassend erklären die Autoren, dass die Angaben zu körperlicher Misshandlung (6,7%) und sexuellem Missbrauch (7,5%) in der deutschen Bevölkerung „auch 6 Jahre nach der verstärkten Debatte über Kinderschutz, mindestens gleichbleibend hoch sind“.
Als gute Nachricht wurde publiziert, dass es hinsichtlich der Angaben über körperliche Vernachlässigung zu einem signifikanten Rückgang kam – von einem beachtlichen Ausmaß von 28,8% im Jahr 2010 zum aktuellen Stand von 22,5%.

Gefragt wurden 2.510 Personen im Alter von 14 bis 90 Jahren über ihre Kindheitserfahrungen. Die Zahlen geben im 6-Jahres-Rhythmus Veränderungen wieder, die Prozentzahlen müssen aber differenziert betrachtet werden, da sie eben auch Kindheitserfahrungen von inzwischen 90-Jährigen beinhalten. Schaut man sich die Zahlen genauer an, so geben die über 65 Jahre alten Befragten zu 38,4% an, körperliche Vernachlässigung erlebt zu haben, bei den 14-25-Jährigen immerhin auch noch 12,7%.

Prof. Jörg Fegert von der Universität Ulm erklärt in einem Interview des Deutschlandfunks zum Rückgang der Vernachlässigung:

„Das ist einerseits dem geschuldet, dass immer weniger Menschen noch leben, die die schlimme Zeit im Krieg und nach dem Krieg erlebt haben, wo körperliche Vernachlässigung einfach sehr, sehr häufig war –  aber natürlich auch der Entwicklung der Frühen Hilfen. Alarmierend: die Angaben zu emotionaler Misshandlung haben sogar zugenommen… wenn ein Kind der eigenen Familie wie gemobbt wird, herabgesetzt wird, der Sündenbock ist, das Aschenputtel ist… Wir wissen aus der Forschung, dass diese emotionale Misshandlung genauso Langzeitfolgen haben kann wie körperliche Misshandlung oder sexueller Missbrauch.“

Gaben 2010 noch 4,6% der Befragten emotionale Misshandlungen an, sind es nun 6,5%. Während der Befund zur Vernachlässigung eher wiederspiegelt, dass viele Betroffene älterer Generationen verstorben sind, weist das Ergebnis zur emotionalen Misshandlung tatsächlich auf eine Entwicklung der „Erziehungsmethoden“ und eine aktuelle Erfahrung Jugendlicher hin: Der berichtete Anstieg lässt sich nämlich am ehesten durch die Annahme erklären, dass es sich wirklich um einen Anstieg in der Generation der 14-25-Jährigen handelt.

Über Menschen, die jetzt Kinder sind – also unter 14-Jährige – kann die Studie allerdings keine Aussage machen.
Insofern ist die These Fegerts, dass die gemessenen Veränderungen auch als Wirkung der Frühen Hilfen gesehen werden können, zwar gut gemeint, aber nicht ganz schlüssig. Dieses sicher extrem wichtige Hilfsangebot wurde in Deutschland für Kinder ab 2009 bundesweit und flächendeckend installiert worden. Unter dem Begriff Frühe Hilfen versteht man „lokale und regionale Unterstützungssysteme mit koordinierten Hilfsangeboten für Eltern und Kinder ab Beginn der Schwangerschaft und in den ersten Lebensjahren mit einem Schwerpunkt auf der Altersgruppe der 0- bis
3-Jährigen. Sie zielen darauf ab, Entwicklungsmöglichkeiten von Kindern und Eltern in Familie und Gesellschaft frühzeitig und nachhaltig zu verbessern. Neben alltagspraktischer Unterstützung wollen Frühe Hilfen insbesondere einen Beitrag zur Förderung der Beziehungs- und Erziehungskompetenz von (werdenden) Müttern und Vätern leisten. Damit tragen sie maßgeblich zum gesunden Aufwachsen von Kindern bei und sichern deren Rechte auf Schutz, Förderung und Teilhabe… Frühe Hilfen tragen in der Arbeit mit den Familien dazu bei, dass Risiken für das Wohl und die Entwicklung des Kindes frühzeitig wahrgenommen und reduziert werden. Wenn die Hilfen nicht ausreichen, eine Gefährdung des Kindeswohls abzuwenden, sorgen Frühe Hilfen dafür, dass weitere Maßnahmen zum Schutz des Kindes ergriffen werden.

Frühe Hilfen haben dabei sowohl das Ziel, die flächendeckende Versorgung von Familien mit bedarfsgerechten Unterstützungsangeboten voranzutreiben, als auch die Qualität der Versorgung zu verbessern. "

Da Frühe Hilfen in diesem Sinne erst seit ca 10 Jahren etabliert worden sind, ist nicht nachvollziehbar, wie die befragten 14-Jährigen davon bereits profitiert haben sollen. Eher dürfte dies ein Resultat verstärkter Wahrnehmung und sozialer Kontrollen sein.

Jenseits dieser Zahlenspiele und Begründungsversuche stellt sich für jede(n) einzelne(n) Betroffene(n)  – welcher Form von Kindesmisshandlung auch immer – jedenfalls die Frage nach rascher, zeitgerechter und kostenloser Hilfe.
Fegert betont im erwähnten Interview nämlich auch, dass zahlreiche PsychotherapeutInnen und PsychiaterInnen sich schwer tun, betroffene Kinder und Jugendliche zu behandeln. Dies mit dem Argument, sich mit traumatisierten PatientInnen nicht hinreichend auszukennen:

„Das Problem ist, dass viele der Kollegen sich scheuen, traumatisierte Patienten psychotherapeutisch zu behandeln. Die Bundespsychotherapeutenkammer hat dazu eine Umfrage gemacht, … und da war eigentlich erschreckend, dass die Hälfte der niedergelassenen Psychotherapeuten sagte: Nein, mit Trauma kenn ich mich nicht so aus!"

Inwieweit hinter dieser mangelnden Bereitschaft, Betroffenen von Gewalt Hilfe und Behandlung anzubieten, lediglich mangelnde Erfahrung und Weiterbildung steckt, wie Fegert annimmt, oder ob es nicht darüber hinaus um eine grundlegendere Angst vor dem „Thema Gewalt gegen Kinder und Jugendliche“ auch bei PsychotherapeutInnen handelt, sei dahin gestellt.

Deutlich wird jedenfalls, dass spezialisierte Beratungsstellen wie das Kinderschutzzentrum umso mehr notwendig sind, damit den betroffenen Kindern und Jugendlichen frühzeitig kompetente Hilfe zukommen kann.

 

Diesen Beitrag als PDF

 

 

   

Blog vom 03.04.2017: Auf der Suche nach den richtigen Worten

Achtung, öffnet in einem neuen Fenster.  E-Mail

Holger Eich

Auf der Suche nach den richtigen Worten… Was „erleben“ „Opfer“?

Eine Kulturwissenschafterin sucht nach Worten für Menschen, die sexualisierte Gewalt erlebt haben. Die EMMA polemisiert gegen die Frau. Diese erhält über die einschlägigen (a)sozialen Medien Vergewaltigungsdrohungen. Ein interessanter Kreislauf.


Wir, die wir über sexualisierte Gewalt schreiben, kennen das Problem. Auch im letzten Blog wurde es zum Thema: Wie nennen wir jene Menschen, die im Laufe ihres Lebens gegen ihren Willen oder unter Ausnützung ihrer Abhängigkeit oder Unerfahrenheit mit sexuellen Reizen konfrontiert, berührt, penetriert worden sind oder dazu verleitet wurden, - um die Worte des österreichischen Strafgesetzes zu bemühen - so etwas „an sich oder anderen vorzunehmen“. Handelt es sich um „unerwünschte Erfahrungen“? Oder sind die Betroffenen „Opfer“?

Reduziert man einen Menschen, der eine solche Erfahrung – einmalig oder gar als strukturellen Bestandteil einer Beziehung – machte, auf sein Opfer-Sein? Und wenn jemand erst einmal als „Opfer“ identifiziert worden ist, gelten dann für sie oder ihn automatisch alle „Erkenntnisse“ oder Stereotype, die wir über Gewalt-Opfer haben? Prägt man so ein Zerrbild der Person, das diese selbst womöglich unpassend, peinlich und falsch findet?

Was tun? Oder genauer: Was sagen? Von diesem Konflikt handelt eine der typischen Internet-Hass-Eskalationen, die in den letzten Wochen Furore machte:

Mithu Sanyal veröffentlichte 2016 ein Buch über die Kulturgeschichte der Vergewaltigung . Von ihren GesprächspartnerInnen äußerten viele, dass sie nicht als „Opfer“ bezeichnet werden wollten. Denn darauf wies Frau Sanyal in ihren Veröffentlichungen hin – er hat eine religiöse Tradition im Sinne des „Opferns“, und er genießt in der Form von “Du Opfer!“ den Status einer vernichtenden Beleidigung in der Jugendsprache.
Auf der Suche nach einem wertneutraleren Begriff stieß sie auf den Begriff „Erleben“. Dies ist im Englischen im sozialpsychiatrischen Vokabular seit den 60er-Jahren eine durchaus gängige Formulierung: So wird von „life-events“ gesprochen, wenn bedeutsame Ereignisse wie z. B. der Tod geliebter Nahestehender, eigene Erkrankung oder Arbeitslosigkeit, aber auch harmlosere Stressoren wie Umzüge, Heiraten oder Geburten „erlebt“ werden. Im Deutschen scheint der Begriff aber eher zu bewirken, dass man an positiv konnotierte Großereignisse denkt, an „Konzertbesuch oder … Urlaub“ . Damit nahm das Übel seinen Lauf…

Alice Schwarzers Monatszeitschrift EMMA kommentierte die Ablehnung des Begriffs „Opfer“ in einem Kommentar mit markant feindseliger Tönung : „Wo es keine Opfer gibt, existieren auch keine Täter. Wie praktisch!“ Offenbar bedroht allein die Reflexion über Wörter herkömmliche Gedanken zur Genese von sexualisierter Gewalt, und es wird unterstellt, dass mit der Wortwahl bestritten würde, dass es sich bei Vergewaltigung und Missbrauch um ein Verbrechen handelt, dass der Täter zu verantworten hat. Ein nicht nachvollziehbarer Kurzschluss…
Jedenfalls schließt der erwähnte, polemische Artikel mit einem Unterschriftenaufruf gegen die Aussagen Frau Sanyals.

Kurz darauf wurde die These so rezipiert: „Gutmenschin rät Opfern: Die Vergewaltigung kann auch ein Erlebnis sein. Viel Spaß!“ Und wie inzwischen immer, wenn Reflexionen einer weiblichen Autorin die beschränkte Intelligenz der impulskontrollgestörten LeserInnen überfordern, kommt es zu den üblichen, im Schutz der Anonymität ausgestoßenen, überbordenden Drohungen und Hassfantasien, in der nicht „nur“ zu Gewalt, sondern sogleich zu sexualisierter Gewalt aufgerufen wird. Frau Sanyal berichtet, immer noch mit einem beneidenswerten Hauch von Ironie:

„Seitdem schreiben mir Menschen, die mich nicht kennen und nichts über mich wissen - und wünschen mir, dass ich vergewaltigt werde, weil sie Opfer schützen wollen …  Damit sind sie aber noch zurückhaltend. Viele führen aus, dass ich nicht nur vergewaltigt, sondern massenvergewaltigt werden solle. Und zwar von ungewaschenen Geflüchteten … Es gibt inzwischen im Netz meine Adresse inklusive Telefonnummer – mit Vergewaltigungsaufrufen – schließlich sei ich ja attraktiv genug dafür oder nicht attraktiv genug dafür, da können sich die Menschen, die hier zu einem Verbrechen aufrufen, nicht einigen.“

Solche Äußerungen mögen Kopfschütteln bewirken, Empörung, Entsetzen. Bestenfalls, wenn man/frau die Kombination von Fremden- und Frauenhass und Gewaltbereitschaft wahrnimmt! Jedenfalls zeigen sie, wie bedrohlich es zu sein scheint, wenn jemand das Phänomen der Vergewaltigung komplexer zu verstehen versucht und die expliziten Wünsche von Betroffenen, nicht als bloßes Opfer abgestempelt zu werden, ernst nimmt. Was es bedeutet, sich auf Empathie einzulassen - auch auf Empathie mit Überwältigten. Die eben nicht nur Ohnmächtige sind, sondern auch als selbstwirksame Menschen gesehen werden wollen!

Denn aus sozialpsychologischer Sicht ist das Phänomen der verbalen „Opferung“ der Betroffenen nur zu durchsichtig: „Wem so etwas passiert, der ist nicht wie ich. Die kann nicht so stark sein wie ich. Die ist ohnmächtig. Die ist eben ein Opfer!“ Wer so denkt, erlebt sich als anders - und damit als ungefährdet. Das Opfer soll fremd bleiben, ebenso wie die „ungewaschenen Flüchtlinge“.  Es handelt sich letztlich um eine in Mitleid verkleidete Form des blaming the victim. Und so dient der Begriff zur Abgrenzung, zur Selbstsicherung. Und wird zum  Schimpfwort.

Nun erweist sich der diskutierte Vorschlag spätestens auf der Suche nach dem Subjekt (soll das ehemalige „Opfer“ wirklich „erlebt Habende“ heißen?) – zumindest im Deutschen – als sprachlich unglücklich und wenig elegant. Doch aus Solidarität zwischen Suchenden sei an dieser Stelle Frau Sanyal das Wort gegeben, weil ihr Motiv Anerkennung verdient:

„Ich möchte das Label öffnen. Einerseits dahingehend, dass unter diesem Begriff nicht nur Frauen gedacht werden. Andererseits möchte ich die Vorstellungen dahingehend aufbrechen, dass wir uns ein Vergewaltigungsopfer nicht ausschließlich als extrem traumatisiert vorstellen. Opfer dürfen unserem Bild nach auch nie selbst etwas Grenzüberschreitendes gemacht haben. Opfer müssen gut und rein und hilflos bleiben, sonst bist du kein echtes Opfer. Das ist für eine Heilung auch nicht hilfreich, weil es statisch ist und dich entmächtigt. Wenn eine Frau sich so fühlt, hat sie jegliches Recht dazu. Aber es ist problematisch, wenn eine Gesellschaft dir sagt, dass du dich so fühlen musst.“

Unsere Suche nach Worten, die das Erleben der Betroffenen adäquat wiedergeben, die Empathie möglich machen anstatt dazu zu dienen, sich zur eigenen Illusion von Sicherheit abzugrenzen, wird weitergehen! Nach Worten, die Wahrheit sagen und dennoch nicht als Bedrohung erlebt werden.

Es bleibt schwer - die richtigen Worte zu finden, wenn man sagen will, was man sagen muss.

 

Diesen Beitrag als PDF

 

 

   

Blog vom 27.03.2017 Sexuelle Übergriffe in Kindheit und Jugend - eine aktuelle österreichische Untersuchung

Achtung, öffnet in einem neuen Fenster.  E-Mail

Zuletzt aktualisiert am Montag, den 27. März 2017 um 20:36 Uhr

Holger Eich

Ungewollte sexuelle Erfahrungen in Kindheit und Jugend - Gedanken über eine aktuelle österreichische Untersuchung

Giacomuzzi und Mitarbeiter veröffentlichten vor kurzem die Ergebnisse einer anonymen Befragung von 187 Studierenden einer – ungenannt gebliebenen – österreichischen Universität. 9,6% der Befragten berichteten über „ungewollte sexuelle Erfahrungen“ in ihrer Kindheit oder Jugend.

Von den 143 befragten Frauen berichteten 16 von derartigen Kindheitserfahrungen, von den 44 Männern zwei . Die Betroffenen waren beim erwähnten Vorkommnis zwischen 5 und 12 Jahre alt, der Median liegt bei sieben Jahren.

Bei der Lektüre des Artikels, der in der österreichischen Richterzeitung veröffentlicht worden ist, fällt auf, dass in Zusammenhang mit den Ergebnissen sehr rasch das Vokabular „kippt“ – unvermittelt ist von „Missbrauchsopfern“, „Opfern“ und „Tätern“ die Rede. Dabei lohnt ein Blick darauf, welche „Erfahrungen“ unter der Kategorie des „sexuellen Übergriffs“ zusammengefasst worden sind: 72% der (18) Studierenden, die solche Erinnerungen angaben, beschrieben, dass ihnen von einer Person deren Geschlechtsteile gezeigt worden sind, 33% bejahten die Frage: „Sie (gemeint sind die beantwortenden Studierenden) zeigten der Person Ihre Geschlechtsteile“. Hier ist die Formulierung der Fragestellung zumindest als unglücklich zu bezeichnen. Gemeint ist vermutlich, dass die Person das Kind dazu veranlasst hat, aktive Handlungen an ihr vorzunehmen. Die Anwendung von Zwang oder manipulativem Druck wird mit dem Satz: „Zu einer Androhung von Gewalt oder dem Erzählen von  Lügengeschichten über die Opfer kam es bei 44,4% der sexuell missbrauchten Personen“ ebenfalls etwas diffus operationalisiert.

Immerhin 44% berichten von direkten Berührungen der Genitalien, 33% davon, stimuliert worden zu sein, 11% von Geschlechtsverkehr und 6% davon, für sexuelle Zwecke gefilmt oder fotografiert worden zu sein. Wichtig ist jedenfalls, dass in der Definition dieser Studie sog. „hands-off“- ebenso wie „hands-on“-Delikte beinhaltet sind, also solche ohne Berührungen (z. B. Zeigen von Genitalien) ebenso wie solche, die Berührungen oder gar Penetrationen beinhalten. 44 % berichteten von einmaligen Übergriffen, 28 % waren dem Missbrauch über zehnmal ausgesetzt.

Ob es sich bei den „Tätern“ immer um Erwachsene handelt, wird aus dem Artikel nicht ersichtlich.

Nun sind solche Prozentangaben immer sehr populär, da der Eindruck vermittelt wird, man könne damit allgemeingültige Aussagen über das Phänomen des Missbrauchs tätigen. Doch muss nochmals betont werden, dass es sich bei den Opfern dieser Studie um eine Zahl von 18 Studierenden handelte. Wenn 11% von 18 über einen Koitus berichten, so handelt es sich eben um 2 ProbandInnen.
Es fragt sich dann schon, welche allgemeingültigen Schlüsse über sexuellen Missbrauch sich anhand einer derart kleinen Stichprobe rechtfertigen lassen. Diesbezüglich wirken die AutorInnen allerdings eher unbefangen: Die Befragten, die keine solchen unerwünschten sexuellen Kindheitserfahrungen berichteten, werden kurzentschlossen als „Kontrollgruppe“ definiert, und man sucht nach statistisch signifikanten Gruppenunterschieden. Neben der sexuellen Missbrauchserfahrung wurden dazu u. a. auch Fragen zur Berufstätigkeit der Eltern und zur „emotionalen Wärme der Mutter“ (S. 33) erhoben. Die interessierte Leserin (und man bedenke: Adressaten sind nicht statistikgeprüfte PsychologInnen, die gelernt haben, Studien kritisch zu lesen, sondern RichterInnen!) erfährt in diesem Kontext, dass die Mütter der Opfer „am häufigsten Hausfrau und der Vater … am häufigsten Arbeiter“ (S. 32) waren. „Die Gruppe mit ungewollten sexuellen Erfahrungen weist niedrigere Werte in der Skala Emotionale Wärme Mutter auf als die auf als die Kontrollgruppe“ (S. 33). Darüber hinaus fanden sich offenbar signifikante Unterschiede hinsichtlich Alkohol- oder Drogenmissbrauch und psychischer Störungen der Eltern, dem Aufwachsen in einer Stieffamilie sowie erhöhten Depressions- und Belastungssymptomen bei den befragten Studierenden selbst.

Grundsätzlich lässt der Artikel offen, inwieweit es sich hier um eine repräsentative Stichprobe handelt, auch bleibt unklar, ob es sich etwa um Studierende nur einer Studienrichtung handelt und daher bereits eine gewisse Selektion vorliegt. Desungeachtet ziehen die Autoren weitreichende Schlüsse: „Für die Rechtsprechung und alle beteiligten Institutionen wie Sachverständige sind diese Ergebnisse von hoher Relevanz. Insbesondere nicht nur bei Strafprozessen, sondern auch bei Obsorgeverfahren gilt es sich zu vergewissern, dass entsprechende Risikokonstellationen dauerhaft ausgeschaltet bzw. soweit möglich ebenso durch richterliche Urteilsfindung hintangehalten werden können“ (S. 35).

Was soll das den lesenden RichterInnen vermitteln? Sind nun Kinder von alkoholkranken Arbeitern oder von Hausfrauen oder Kinder in Stieffamilien besonders gefährdet, sexuell missbraucht zu werden? Wird nicht zumindest ein solches Bild evoziert? Was bei den angegebenen Befunden ist Ursache, was Wirkung? Und wie sollen die imaginierten „Risikokonstellationen“ hintangehalten werden?

Zugegebenermaßen schließen die Autoren selbst mit der Bemerkung: „Die allgemeine Übertragbarkeit der Daten ist naturgemäß (sic) begrenzt“. Aber letztlich verwirren Untersuchungen mit einer derart breiten Definition von Missbrauch und einer derart geringen Stichprobengröße mehr als dass sie Erkenntnis bringen.


Quelle:
Giacomuzzi S, Velasquez-Montiell S, Scherer B, Ertl M & Garber K (2017). Sexuelle Übergriffe in Kindheit und Jugend: Eine aktuelle, österreichische Untersuchung. Richter-Zeitung. S. 31-35.

 

Diesen Beitrag als PDF

 

 

   

Seite 1 von 5