Blog vom 06.03.2017: Anstieg der Anzeigen wegen Sexualstraftaten

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Holger Eich

Mehr Sexualstraftaten 2016?

Im heute veröffentlichten Sicherheitsbericht des Innenministeriums wird über den Anstieg der Anzeigen wegen Vergewaltigung, sexuellen Missbrauchs und anderer Delikte gegen die sexuelle Integrität berichtet.

Demnach ist die Anzahl der Anzeigen (§§ 201, 202, 205, 206, 207, 207a und 207b StGB) nach einem Rückgang 2015 im Vorjahr gestiegen: „Wurden 2015 noch 2.376 Fälle angezeigt, so waren es im Jahr 2016  2.732 Anzeigen. Dies entspricht einem Anstieg von 15 Prozent." In Wien ist die Zahl der Anzeigen wegen Vergewaltigung (§ 201 StGB) von 316 (2015) auf 343 (2016) gestiegen.

Die Aufklärungsquote bei Sexualdelikten ist nach Angaben des Ministeriums mit 86 Prozent hoch.

Einen Anstieg vermeldet das Ministerium auch bei Anzeigen wegen kinderpornografischer Darstellung Minderjähriger (§ 207a StGB)  - 465 im Jahr 2015 auf 681 im Jahr 2016 - und wegen Groomings (§ 208a StGB) – von 52 Anzeigen auf 80 Anzeigen im Jahr 2016.

Die Zahl der Hinweise, die in der Meldestelle Kinderpornografie und Kindersextourismus eingegangen sind, sei rückläufig (2015:  2.742 Hinweise, davon 310 mit Österreichbezug; 2016: 1.530 Hinweise, davon 347 mit Österreichbezug). Dieser Rückgang sei darauf zurückzuführen, dass das digitale Missbrauchsmaterial vermehrt in geschlossenen Foren oder im sog. "Darknet" verbreitet wird.

Leider werden im publizierten Bericht die ausgewählten Delikte nicht differenziert, so dass wir nicht angeben können, ob solche Sexualstraftaten, in denen Kinder Opfer wurden - (schwerer) sexueller Missbrauch von Unmündigen - auch vermehrt angezeigt worden sind.

 

Was ist zu diesen Zahlen zu sagen?

Generell bedeutet ein Anstieg der Anzeigen nicht zwingend, dass es im Vorjahr tatsächlich zu mehr Übergriffen gekommen ist. Möglicherweise steigt auch die Bereitschaft betroffener Personen, eine Anzeige zu tätigen. Gerade bei Sexualstraftaten scheuen Opfer oft den Weg zur Polizei – aus Scham oder weil sie befürchten, dass ihnen nicht geglaubt wird oder sie öffentlich bloßgestellt werden könnten. Inzwischen ist der Weg zur Polizei – durch spezialisierte Ausbildung im Bereich der Sexualstraftaten und höhere Sensibilität der PolizistInnen, aber auch durch die Möglichkeit für Opfer, vor einer Anzeige kostenlose psychosoziale und juristische Prozessbegleitung zu erhalten – etwas weniger angstbesetzt.

Erhöhte Anzeigenzahlen müssen also nicht bedeuten, dass es inzwischen mehr derartige Verbrechen gibt, sondern können auch eine höhere Anzeigebereitschaft wiederspiegeln.

Darüber hinaus muss auch auf die Möglichkeit von Falschbeschuldigungen hingewiesen werden. Nicht jeder Anzeige liegt immer tatsächlich eine Straftat zugrunde.

Es ist wichtig, die publizierten Zahlen im Lichte dieser methodischen Feinheiten zu analysieren.

 

Quelle:

BM Inneres (2017). Sicherheitsbericht. http://www.bmi.gv.at/cms/cs03documentsbmi/1983.pdf

 

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