Blog vom 13.03.2017 Werden Missbrauchs-Opfer zu Tätern?

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Holger Eich

Werden Missbrauchs-Opfer zu Tätern?

Immer wieder findet sich in der Literatur die sogenannte „Missbrauchter-Missbraucher-Hypothese“, die besagt, dass Opfer sexuellen Missbrauchs später in der Jugend oder im Erwachsenenalter sexuelle Übergriffe begehen würden. In einer Australischen Langzeitstudie erwies sich dieser eingängige Erklärungsansatz als Mythos.

Viele Eltern von Burschen, die Opfer eines sexuellen Missbrauchs geworden sind, befürchten, dass damit das Schicksal ihres Kindes besiegelt sei: Und es im Erwachsenenalter selbst sexuelle Übergriffe an Kindern begehen würde. Dies ist Resultat der weit verbreiteten Hypothese, dass männliche Opfer später zum Missbraucher werden könnten. Tatsächlich finden sich in der Literatur zahlreiche Hinweise, die allerdings auf retrospektiven Recherchen beruhen – in der Biografie erwachsener Täter wurde im Rückblick nachträglich nach Missbrauchserfahrungen in ihrer Kindheit gesucht.

Prof.in Anna Stewart und Dr.in Chelsea Leach und ihr Team von der Griffith University gingen das Thema umgekehrt an: Sie begleiteten eine Stichprobe von mehr als 38.000 Burschen des  Jahrgangs 1983 /84. Es wurden solche Burschen ausgewählt, die aufgrund von Misshandlungen (sexuellem Missbrauch, körperlichen, seelischen Misshandlungen) bei der Jugendwohlfahrtsbehörde oder bei Gericht gemeldet worden sind. Bei derselben Stichprobe wurde, als sie 25 Jahre geworden sind, geprüft,  wie viele der ehemals misshandelten Kinder in der Zwischenzeit durch Straftaten aufgefallen sind.
Zwar zeigte sich, dass von jenen Burschen, die ausschließlich sexuell misshandelt worden waren, 33,2 % mit einer Straftat auffällig wurden – allerdings meist nicht mit Gewaltdelikten, sondern leichtern Delikten wie z. B. Straßenverkehrsvergehen. Nur 0,7 % dieser Gruppe ist durch sexuelle Übergriffe auffällig geworden!

Die Autorinnen resümieren: „Für Jungens, die sexuell missbraucht worden sind, kann die Idee, dass sexueller Missbrauch das Risiko, einmal selbst zum Täter zu werden, signifikant erhöht … die Verwirrung über ihre Missbrauchserfahrung maximieren, ihre Not verstärken und womöglich ihr Selbstvertrauen hinsichtlich Elternschaft oder einer beruflichen Tätigkeit mit Kindern im späteren Leben erschüttern. Wichtige Menschen in ihrem Umfeld, insbesondere Familienmitglieder, ProfessionistInnen und BeraterInnen, können das Problem durch ihre Ängste und Verdächtigungen komplizieren. Tatsächlich kam der Großteil der Missbrauchsopfer unserer Studie – 97 % – nicht wegen sexueller Übergriffe in Kontakt mit den Behörden“ (Übers. HE).

Die populäre Missbrauchter-Missbraucher-Hypothese  lässt sich also in Längsschnittuntersuchungen nicht replizieren, erweist sich eher als Mythos.

Es zeigte sich aber bei der Analyse doch ein (leichter) Zusammenhang mit Misshandlungserfahrungen als Kind: Unter den späteren Missbrauchs-Tätern fanden sich vermehrt solche, die als Kind nicht ausschließlich sexuell missbraucht, sondern ebenso körperlich oder seelisch misshandelt worden sind. Offenbar spielt das gleichzeitige Auftreten mehrerer Formen von Misshandlungen in der Kindheit eine entscheidende Rolle.

Deutlich wird jedenfalls: Missbrauchstäter zu erklären ist komplizierter als es einfache Hypothesen nahelegen. Viele Faktoren spielen eine Rolle, damit ein Mann zum Täter zu wird. Und einmal Opfer gewesen zu sein führt jedenfalls nicht automatisch dazu, später zum Täter zu werden.

 

Originalartikel: Leach C, Stewart A & Smallbone S (2016). Testing the sexually abused-sexual abuser hypothesis: A prospective longitudinal birth cohort study. Child Abuse and Neglect, 51, S. 144-153.

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