Blog vom 27.03.2017 Sexuelle Übergriffe in Kindheit und Jugend - eine aktuelle österreichische Untersuchung

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Holger Eich

Ungewollte sexuelle Erfahrungen in Kindheit und Jugend - Gedanken über eine aktuelle österreichische Untersuchung

Giacomuzzi und Mitarbeiter veröffentlichten vor kurzem die Ergebnisse einer anonymen Befragung von 187 Studierenden einer – ungenannt gebliebenen – österreichischen Universität. 9,6% der Befragten berichteten über „ungewollte sexuelle Erfahrungen“ in ihrer Kindheit oder Jugend.

Von den 143 befragten Frauen berichteten 16 von derartigen Kindheitserfahrungen, von den 44 Männern zwei . Die Betroffenen waren beim erwähnten Vorkommnis zwischen 5 und 12 Jahre alt, der Median liegt bei sieben Jahren.

Bei der Lektüre des Artikels, der in der österreichischen Richterzeitung veröffentlicht worden ist, fällt auf, dass in Zusammenhang mit den Ergebnissen sehr rasch das Vokabular „kippt“ – unvermittelt ist von „Missbrauchsopfern“, „Opfern“ und „Tätern“ die Rede. Dabei lohnt ein Blick darauf, welche „Erfahrungen“ unter der Kategorie des „sexuellen Übergriffs“ zusammengefasst worden sind: 72% der (18) Studierenden, die solche Erinnerungen angaben, beschrieben, dass ihnen von einer Person deren Geschlechtsteile gezeigt worden sind, 33% bejahten die Frage: „Sie (gemeint sind die beantwortenden Studierenden) zeigten der Person Ihre Geschlechtsteile“. Hier ist die Formulierung der Fragestellung zumindest als unglücklich zu bezeichnen. Gemeint ist vermutlich, dass die Person das Kind dazu veranlasst hat, aktive Handlungen an ihr vorzunehmen. Die Anwendung von Zwang oder manipulativem Druck wird mit dem Satz: „Zu einer Androhung von Gewalt oder dem Erzählen von  Lügengeschichten über die Opfer kam es bei 44,4% der sexuell missbrauchten Personen“ ebenfalls etwas diffus operationalisiert.

Immerhin 44% berichten von direkten Berührungen der Genitalien, 33% davon, stimuliert worden zu sein, 11% von Geschlechtsverkehr und 6% davon, für sexuelle Zwecke gefilmt oder fotografiert worden zu sein. Wichtig ist jedenfalls, dass in der Definition dieser Studie sog. „hands-off“- ebenso wie „hands-on“-Delikte beinhaltet sind, also solche ohne Berührungen (z. B. Zeigen von Genitalien) ebenso wie solche, die Berührungen oder gar Penetrationen beinhalten. 44 % berichteten von einmaligen Übergriffen, 28 % waren dem Missbrauch über zehnmal ausgesetzt.

Ob es sich bei den „Tätern“ immer um Erwachsene handelt, wird aus dem Artikel nicht ersichtlich.

Nun sind solche Prozentangaben immer sehr populär, da der Eindruck vermittelt wird, man könne damit allgemeingültige Aussagen über das Phänomen des Missbrauchs tätigen. Doch muss nochmals betont werden, dass es sich bei den Opfern dieser Studie um eine Zahl von 18 Studierenden handelte. Wenn 11% von 18 über einen Koitus berichten, so handelt es sich eben um 2 ProbandInnen.
Es fragt sich dann schon, welche allgemeingültigen Schlüsse über sexuellen Missbrauch sich anhand einer derart kleinen Stichprobe rechtfertigen lassen. Diesbezüglich wirken die AutorInnen allerdings eher unbefangen: Die Befragten, die keine solchen unerwünschten sexuellen Kindheitserfahrungen berichteten, werden kurzentschlossen als „Kontrollgruppe“ definiert, und man sucht nach statistisch signifikanten Gruppenunterschieden. Neben der sexuellen Missbrauchserfahrung wurden dazu u. a. auch Fragen zur Berufstätigkeit der Eltern und zur „emotionalen Wärme der Mutter“ (S. 33) erhoben. Die interessierte Leserin (und man bedenke: Adressaten sind nicht statistikgeprüfte PsychologInnen, die gelernt haben, Studien kritisch zu lesen, sondern RichterInnen!) erfährt in diesem Kontext, dass die Mütter der Opfer „am häufigsten Hausfrau und der Vater … am häufigsten Arbeiter“ (S. 32) waren. „Die Gruppe mit ungewollten sexuellen Erfahrungen weist niedrigere Werte in der Skala Emotionale Wärme Mutter auf als die auf als die Kontrollgruppe“ (S. 33). Darüber hinaus fanden sich offenbar signifikante Unterschiede hinsichtlich Alkohol- oder Drogenmissbrauch und psychischer Störungen der Eltern, dem Aufwachsen in einer Stieffamilie sowie erhöhten Depressions- und Belastungssymptomen bei den befragten Studierenden selbst.

Grundsätzlich lässt der Artikel offen, inwieweit es sich hier um eine repräsentative Stichprobe handelt, auch bleibt unklar, ob es sich etwa um Studierende nur einer Studienrichtung handelt und daher bereits eine gewisse Selektion vorliegt. Desungeachtet ziehen die Autoren weitreichende Schlüsse: „Für die Rechtsprechung und alle beteiligten Institutionen wie Sachverständige sind diese Ergebnisse von hoher Relevanz. Insbesondere nicht nur bei Strafprozessen, sondern auch bei Obsorgeverfahren gilt es sich zu vergewissern, dass entsprechende Risikokonstellationen dauerhaft ausgeschaltet bzw. soweit möglich ebenso durch richterliche Urteilsfindung hintangehalten werden können“ (S. 35).

Was soll das den lesenden RichterInnen vermitteln? Sind nun Kinder von alkoholkranken Arbeitern oder von Hausfrauen oder Kinder in Stieffamilien besonders gefährdet, sexuell missbraucht zu werden? Wird nicht zumindest ein solches Bild evoziert? Was bei den angegebenen Befunden ist Ursache, was Wirkung? Und wie sollen die imaginierten „Risikokonstellationen“ hintangehalten werden?

Zugegebenermaßen schließen die Autoren selbst mit der Bemerkung: „Die allgemeine Übertragbarkeit der Daten ist naturgemäß (sic) begrenzt“. Aber letztlich verwirren Untersuchungen mit einer derart breiten Definition von Missbrauch und einer derart geringen Stichprobengröße mehr als dass sie Erkenntnis bringen.


Quelle:
Giacomuzzi S, Velasquez-Montiell S, Scherer B, Ertl M & Garber K (2017). Sexuelle Übergriffe in Kindheit und Jugend: Eine aktuelle, österreichische Untersuchung. Richter-Zeitung. S. 31-35.

 

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