Blog vom 03.04.2017: Auf der Suche nach den richtigen Worten

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Holger Eich

Auf der Suche nach den richtigen Worten… Was „erleben“ „Opfer“?

Eine Kulturwissenschafterin sucht nach Worten für Menschen, die sexualisierte Gewalt erlebt haben. Die EMMA polemisiert gegen die Frau. Diese erhält über die einschlägigen (a)sozialen Medien Vergewaltigungsdrohungen. Ein interessanter Kreislauf.


Wir, die wir über sexualisierte Gewalt schreiben, kennen das Problem. Auch im letzten Blog wurde es zum Thema: Wie nennen wir jene Menschen, die im Laufe ihres Lebens gegen ihren Willen oder unter Ausnützung ihrer Abhängigkeit oder Unerfahrenheit mit sexuellen Reizen konfrontiert, berührt, penetriert worden sind oder dazu verleitet wurden, - um die Worte des österreichischen Strafgesetzes zu bemühen - so etwas „an sich oder anderen vorzunehmen“. Handelt es sich um „unerwünschte Erfahrungen“? Oder sind die Betroffenen „Opfer“?

Reduziert man einen Menschen, der eine solche Erfahrung – einmalig oder gar als strukturellen Bestandteil einer Beziehung – machte, auf sein Opfer-Sein? Und wenn jemand erst einmal als „Opfer“ identifiziert worden ist, gelten dann für sie oder ihn automatisch alle „Erkenntnisse“ oder Stereotype, die wir über Gewalt-Opfer haben? Prägt man so ein Zerrbild der Person, das diese selbst womöglich unpassend, peinlich und falsch findet?

Was tun? Oder genauer: Was sagen? Von diesem Konflikt handelt eine der typischen Internet-Hass-Eskalationen, die in den letzten Wochen Furore machte:

Mithu Sanyal veröffentlichte 2016 ein Buch über die Kulturgeschichte der Vergewaltigung . Von ihren GesprächspartnerInnen äußerten viele, dass sie nicht als „Opfer“ bezeichnet werden wollten. Denn darauf wies Frau Sanyal in ihren Veröffentlichungen hin – er hat eine religiöse Tradition im Sinne des „Opferns“, und er genießt in der Form von “Du Opfer!“ den Status einer vernichtenden Beleidigung in der Jugendsprache.
Auf der Suche nach einem wertneutraleren Begriff stieß sie auf den Begriff „Erleben“. Dies ist im Englischen im sozialpsychiatrischen Vokabular seit den 60er-Jahren eine durchaus gängige Formulierung: So wird von „life-events“ gesprochen, wenn bedeutsame Ereignisse wie z. B. der Tod geliebter Nahestehender, eigene Erkrankung oder Arbeitslosigkeit, aber auch harmlosere Stressoren wie Umzüge, Heiraten oder Geburten „erlebt“ werden. Im Deutschen scheint der Begriff aber eher zu bewirken, dass man an positiv konnotierte Großereignisse denkt, an „Konzertbesuch oder … Urlaub“ . Damit nahm das Übel seinen Lauf…

Alice Schwarzers Monatszeitschrift EMMA kommentierte die Ablehnung des Begriffs „Opfer“ in einem Kommentar mit markant feindseliger Tönung : „Wo es keine Opfer gibt, existieren auch keine Täter. Wie praktisch!“ Offenbar bedroht allein die Reflexion über Wörter herkömmliche Gedanken zur Genese von sexualisierter Gewalt, und es wird unterstellt, dass mit der Wortwahl bestritten würde, dass es sich bei Vergewaltigung und Missbrauch um ein Verbrechen handelt, dass der Täter zu verantworten hat. Ein nicht nachvollziehbarer Kurzschluss…
Jedenfalls schließt der erwähnte, polemische Artikel mit einem Unterschriftenaufruf gegen die Aussagen Frau Sanyals.

Kurz darauf wurde die These so rezipiert: „Gutmenschin rät Opfern: Die Vergewaltigung kann auch ein Erlebnis sein. Viel Spaß!“ Und wie inzwischen immer, wenn Reflexionen einer weiblichen Autorin die beschränkte Intelligenz der impulskontrollgestörten LeserInnen überfordern, kommt es zu den üblichen, im Schutz der Anonymität ausgestoßenen, überbordenden Drohungen und Hassfantasien, in der nicht „nur“ zu Gewalt, sondern sogleich zu sexualisierter Gewalt aufgerufen wird. Frau Sanyal berichtet, immer noch mit einem beneidenswerten Hauch von Ironie:

„Seitdem schreiben mir Menschen, die mich nicht kennen und nichts über mich wissen - und wünschen mir, dass ich vergewaltigt werde, weil sie Opfer schützen wollen …  Damit sind sie aber noch zurückhaltend. Viele führen aus, dass ich nicht nur vergewaltigt, sondern massenvergewaltigt werden solle. Und zwar von ungewaschenen Geflüchteten … Es gibt inzwischen im Netz meine Adresse inklusive Telefonnummer – mit Vergewaltigungsaufrufen – schließlich sei ich ja attraktiv genug dafür oder nicht attraktiv genug dafür, da können sich die Menschen, die hier zu einem Verbrechen aufrufen, nicht einigen.“

Solche Äußerungen mögen Kopfschütteln bewirken, Empörung, Entsetzen. Bestenfalls, wenn man/frau die Kombination von Fremden- und Frauenhass und Gewaltbereitschaft wahrnimmt! Jedenfalls zeigen sie, wie bedrohlich es zu sein scheint, wenn jemand das Phänomen der Vergewaltigung komplexer zu verstehen versucht und die expliziten Wünsche von Betroffenen, nicht als bloßes Opfer abgestempelt zu werden, ernst nimmt. Was es bedeutet, sich auf Empathie einzulassen - auch auf Empathie mit Überwältigten. Die eben nicht nur Ohnmächtige sind, sondern auch als selbstwirksame Menschen gesehen werden wollen!

Denn aus sozialpsychologischer Sicht ist das Phänomen der verbalen „Opferung“ der Betroffenen nur zu durchsichtig: „Wem so etwas passiert, der ist nicht wie ich. Die kann nicht so stark sein wie ich. Die ist ohnmächtig. Die ist eben ein Opfer!“ Wer so denkt, erlebt sich als anders - und damit als ungefährdet. Das Opfer soll fremd bleiben, ebenso wie die „ungewaschenen Flüchtlinge“.  Es handelt sich letztlich um eine in Mitleid verkleidete Form des blaming the victim. Und so dient der Begriff zur Abgrenzung, zur Selbstsicherung. Und wird zum  Schimpfwort.

Nun erweist sich der diskutierte Vorschlag spätestens auf der Suche nach dem Subjekt (soll das ehemalige „Opfer“ wirklich „erlebt Habende“ heißen?) – zumindest im Deutschen – als sprachlich unglücklich und wenig elegant. Doch aus Solidarität zwischen Suchenden sei an dieser Stelle Frau Sanyal das Wort gegeben, weil ihr Motiv Anerkennung verdient:

„Ich möchte das Label öffnen. Einerseits dahingehend, dass unter diesem Begriff nicht nur Frauen gedacht werden. Andererseits möchte ich die Vorstellungen dahingehend aufbrechen, dass wir uns ein Vergewaltigungsopfer nicht ausschließlich als extrem traumatisiert vorstellen. Opfer dürfen unserem Bild nach auch nie selbst etwas Grenzüberschreitendes gemacht haben. Opfer müssen gut und rein und hilflos bleiben, sonst bist du kein echtes Opfer. Das ist für eine Heilung auch nicht hilfreich, weil es statisch ist und dich entmächtigt. Wenn eine Frau sich so fühlt, hat sie jegliches Recht dazu. Aber es ist problematisch, wenn eine Gesellschaft dir sagt, dass du dich so fühlen musst.“

Unsere Suche nach Worten, die das Erleben der Betroffenen adäquat wiedergeben, die Empathie möglich machen anstatt dazu zu dienen, sich zur eigenen Illusion von Sicherheit abzugrenzen, wird weitergehen! Nach Worten, die Wahrheit sagen und dennoch nicht als Bedrohung erlebt werden.

Es bleibt schwer - die richtigen Worte zu finden, wenn man sagen will, was man sagen muss.

 

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