Blog vom 09.04.2017: Jugendliche berichten über mehr emotionale Misshandlung – wer hilft

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Holger Eich

Jugendliche berichten über mehr emotionale Misshandlung – wer hilft?

Alle Jahre wieder untersuchen Wissenschaftler im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation WHO anhand des immer gleichen Fragebogens das Ausmaß von Misshandlungserfahrungen in der Kindheit. So entsteht ein Bild über Fort- und Rückschritte in den einzelnen Ländern.

Für Deutschland wurden die Ergebnisse der Erhebungen von 2016 gerade präsentiert1.  Zusammenfassend erklären die Autoren, dass die Angaben zu körperlicher Misshandlung (6,7%) und sexuellem Missbrauch (7,5%) in der deutschen Bevölkerung „auch 6 Jahre nach der verstärkten Debatte über Kinderschutz, mindestens gleichbleibend hoch sind“.
Als gute Nachricht wurde publiziert, dass es hinsichtlich der Angaben über körperliche Vernachlässigung zu einem signifikanten Rückgang kam – von einem beachtlichen Ausmaß von 28,8% im Jahr 2010 zum aktuellen Stand von 22,5%.

Gefragt wurden 2.510 Personen im Alter von 14 bis 90 Jahren über ihre Kindheitserfahrungen. Die Zahlen geben im 6-Jahres-Rhythmus Veränderungen wieder, die Prozentzahlen müssen aber differenziert betrachtet werden, da sie eben auch Kindheitserfahrungen von inzwischen 90-Jährigen beinhalten. Schaut man sich die Zahlen genauer an, so geben die über 65 Jahre alten Befragten zu 38,4% an, körperliche Vernachlässigung erlebt zu haben, bei den 14-25-Jährigen immerhin auch noch 12,7%.

Prof. Jörg Fegert von der Universität Ulm erklärt in einem Interview des Deutschlandfunks zum Rückgang der Vernachlässigung:

„Das ist einerseits dem geschuldet, dass immer weniger Menschen noch leben, die die schlimme Zeit im Krieg und nach dem Krieg erlebt haben, wo körperliche Vernachlässigung einfach sehr, sehr häufig war –  aber natürlich auch der Entwicklung der Frühen Hilfen. Alarmierend: die Angaben zu emotionaler Misshandlung haben sogar zugenommen… wenn ein Kind der eigenen Familie wie gemobbt wird, herabgesetzt wird, der Sündenbock ist, das Aschenputtel ist… Wir wissen aus der Forschung, dass diese emotionale Misshandlung genauso Langzeitfolgen haben kann wie körperliche Misshandlung oder sexueller Missbrauch.“

Gaben 2010 noch 4,6% der Befragten emotionale Misshandlungen an, sind es nun 6,5%. Während der Befund zur Vernachlässigung eher wiederspiegelt, dass viele Betroffene älterer Generationen verstorben sind, weist das Ergebnis zur emotionalen Misshandlung tatsächlich auf eine Entwicklung der „Erziehungsmethoden“ und eine aktuelle Erfahrung Jugendlicher hin: Der berichtete Anstieg lässt sich nämlich am ehesten durch die Annahme erklären, dass es sich wirklich um einen Anstieg in der Generation der 14-25-Jährigen handelt.

Über Menschen, die jetzt Kinder sind – also unter 14-Jährige – kann die Studie allerdings keine Aussage machen.
Insofern ist die These Fegerts, dass die gemessenen Veränderungen auch als Wirkung der Frühen Hilfen gesehen werden können, zwar gut gemeint, aber nicht ganz schlüssig. Dieses sicher extrem wichtige Hilfsangebot wurde in Deutschland für Kinder ab 2009 bundesweit und flächendeckend installiert worden. Unter dem Begriff Frühe Hilfen versteht man „lokale und regionale Unterstützungssysteme mit koordinierten Hilfsangeboten für Eltern und Kinder ab Beginn der Schwangerschaft und in den ersten Lebensjahren mit einem Schwerpunkt auf der Altersgruppe der 0- bis
3-Jährigen. Sie zielen darauf ab, Entwicklungsmöglichkeiten von Kindern und Eltern in Familie und Gesellschaft frühzeitig und nachhaltig zu verbessern. Neben alltagspraktischer Unterstützung wollen Frühe Hilfen insbesondere einen Beitrag zur Förderung der Beziehungs- und Erziehungskompetenz von (werdenden) Müttern und Vätern leisten. Damit tragen sie maßgeblich zum gesunden Aufwachsen von Kindern bei und sichern deren Rechte auf Schutz, Förderung und Teilhabe… Frühe Hilfen tragen in der Arbeit mit den Familien dazu bei, dass Risiken für das Wohl und die Entwicklung des Kindes frühzeitig wahrgenommen und reduziert werden. Wenn die Hilfen nicht ausreichen, eine Gefährdung des Kindeswohls abzuwenden, sorgen Frühe Hilfen dafür, dass weitere Maßnahmen zum Schutz des Kindes ergriffen werden.

Frühe Hilfen haben dabei sowohl das Ziel, die flächendeckende Versorgung von Familien mit bedarfsgerechten Unterstützungsangeboten voranzutreiben, als auch die Qualität der Versorgung zu verbessern. "

Da Frühe Hilfen in diesem Sinne erst seit ca 10 Jahren etabliert worden sind, ist nicht nachvollziehbar, wie die befragten 14-Jährigen davon bereits profitiert haben sollen. Eher dürfte dies ein Resultat verstärkter Wahrnehmung und sozialer Kontrollen sein.

Jenseits dieser Zahlenspiele und Begründungsversuche stellt sich für jede(n) einzelne(n) Betroffene(n)  – welcher Form von Kindesmisshandlung auch immer – jedenfalls die Frage nach rascher, zeitgerechter und kostenloser Hilfe.
Fegert betont im erwähnten Interview nämlich auch, dass zahlreiche PsychotherapeutInnen und PsychiaterInnen sich schwer tun, betroffene Kinder und Jugendliche zu behandeln. Dies mit dem Argument, sich mit traumatisierten PatientInnen nicht hinreichend auszukennen:

„Das Problem ist, dass viele der Kollegen sich scheuen, traumatisierte Patienten psychotherapeutisch zu behandeln. Die Bundespsychotherapeutenkammer hat dazu eine Umfrage gemacht, … und da war eigentlich erschreckend, dass die Hälfte der niedergelassenen Psychotherapeuten sagte: Nein, mit Trauma kenn ich mich nicht so aus!"

Inwieweit hinter dieser mangelnden Bereitschaft, Betroffenen von Gewalt Hilfe und Behandlung anzubieten, lediglich mangelnde Erfahrung und Weiterbildung steckt, wie Fegert annimmt, oder ob es nicht darüber hinaus um eine grundlegendere Angst vor dem „Thema Gewalt gegen Kinder und Jugendliche“ auch bei PsychotherapeutInnen handelt, sei dahin gestellt.

Deutlich wird jedenfalls, dass spezialisierte Beratungsstellen wie das Kinderschutzzentrum umso mehr notwendig sind, damit den betroffenen Kindern und Jugendlichen frühzeitig kompetente Hilfe zukommen kann.

 

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