Wien, 02.04.2020

„Anna, wie alt bist du eigentlich?“

Wir Erwachsene bemerken in dieser herausfordernden Zeit eine Vielzahl an unangenehmen Gefühlen. Wir sind besorgt, beunruhigt, verunsichert. Wie wird das alles weiter gehen? Wird jemand aus unserem Bekannten- oder Verwandtenkreis erkranken? Wie lange müssen wir uns noch isolieren? Wird alles immer noch schlimmer? Oder zeigen die Maßnahmen schnell genug Wirkung?

Wir Erwachsene können uns bei offenen Fragen selbst helfen, indem wir Zugang zu einer Vielzahl an Informationen haben. Das kann gut sein, oder auch nicht so gut, jedenfalls können wir in Phasen, in denen die Unsicherheit, die Besorgnis überwiegt, auf Informationssuche gehen, können uns anhand dieser Informationen im besten Fall beruhigen. Oder wir können uns Unterstützung von außen holen, mit Freund*innen telefonieren oder skypen oder uns im Krisenfall an eine Beratungsstelle wenden.

Kinder haben diese Freiheit nicht. Auch sie sind verunsichert, auch sie sind besorgt. Und sie sind auf die Informationen angewiesen, die wir ihnen zur Verfügung stellen. Nun kommt es dabei auch auf unsere Vorgehensweise an, wie und ob sich die Stimmungslage der Kinder und der Grad der Beängstigung verschlimmern oder beruhigen lassen.

Bei kleineren Kindern im Kindergartenalter erscheint mir das einfacher als bei größeren. Kinder im Schulalter begreifen schon mehr, sie bekommen auch inhaltlich einiges mit, was die Erwachsenen so beschäftigt. Vielleicht hören sie einzelne Nachrichten, von denen sie manches verstehen und ihnen somit auch das Ausmaß dieses Ausnahmezustandes klarer wird. Sie sind wissbegierig und fragen nach, wollen manches genauer erkunden. Und da enthalten wir ihnen dann auch nicht vor, was das Blöde an diesem Virus ist, was genau passieren kann, was die Folgen des Virus sein können. Und das beunruhigt vielleicht noch mehr.

Bei einem meiner letzten persönlichen Beratungskontakten beispielsweise war schon die Sorge meines 9-jährigen Klienten bezüglich des Corona-Virus spürbar. Es war unser Kennenlernen-Termin. Bereits im Wartebereich fragte er meine Kollegin, ob ich denn "neu" sei. Nein, meinte sie, ich sei nicht neu. Ob ich denn "alt" sei, fragte er darauf mit besorgtem Unterton. Nein, alt sei ich auch nicht. Das Thema schien ihn sehr zu beschäftigen. Im Gespräch erkundigte er sich bald danach, wie alt ich denn sei. Ich antwortete ihm wahrheitsgemäß: "37". Er schien erleichtert: "Gut, dann wirst du nicht sterben. Die Mama ist 38, die wird auch nicht sterben".

Manche Kinder haben nur begrenzte Informationen darüber, was da gerade los ist, und es gibt eventuell auch keine Kultur zuhause, die Eltern danach zu fragen. Diese fragmentarischen Informationen können verstörend sein, weiter verunsichern. Manche Kinder sind um so liebesbedürftiger, brauchen mehr Körperkontakt, möchten wieder bei Mama und Papa im Bett schlafen.

In Familien, in denen es ältere oder vulnerable Personen gibt, herrscht Sorge um diese.

Sind ein oder beide Elternteile in "versorgungswichtigen" Berufen tätig, kommt die ständige Angst der Kinder dazu, diese könnten sich anstecken und sie könnten sie verlieren. Eltern berichten mir von Albträumen ihrer Schulkinder, alle würden sterben.

Wie gehen Eltern am besten mit diesen Belastungen um, die auch ihre Kinder betrifft?

Ich denke, das wichtigste ist, unsere Panik – wenn vorhanden – nicht ungefiltert an die Kinder weiterzugeben. Sie müssen nicht verschiedene Worst-Case-Szenarien durchgespielt bekommen, diese spielen sich ja eh teilweise bereits in ihren Köpfen ab. Besser ist es, ihnen – trotz der großen Ungewissheit und auch Unsicherheit auf erwachsener Seite – das größtmögliche Gefühl an Sicherheit zu vermitteln.

Weiters wichtig finde ich es, mit den Kindern über den Virus und die Situation derzeit im Gespräch zu bleiben. Ihre Ängste, Besorgnis, Gefühlszustände anzusprechen, ernst zu nehmen, für sie da zu sein. Und zwar immer wieder. Wie auch in anderen Situationen sollten Eltern Interesse und Verständnis für die Gefühle ihrer Kinder zeigen. Diese fühlen sich dadurch ernst genommen und aufgehoben.

Elternteile können ihren Kindern auch ihre eigenen Gefühle mitteilen, ihnen vermitteln, dass auch sie verunsichert sind. Dass es nun eben eine schwierige Zeit ist, aber dass sie das zusammen schaffen werden. Wir können auf jeden Fall sicher sein, dass diese schwierige Phase irgendwann vorbei sein wird, dass dann unser Alltag wieder halbwegs normal sein wird, dass die Schule wieder beginnen wird, sie ihre Freund*innen wieder sehen werden. Im Moment müssen wir noch gemeinsam die Zähne zusammenbeißen, aber es wird vorbei gehen, so viel ist sicher.

Die äußere Situation können wir nicht verändern, aber den Kindern bestmöglich Unterstützung dabei geben, diese Situation gemeinsam mit uns auszuhalten, das können wir.

Anna Schwitzer

 


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Der Berufsverband Österreichischer Psychologinnen und Psychologen (BÖP) stellt sein Informationsblatt „COVID-19: Wie Sie häusliche Isolation und Quarantäne gut überstehen" jetzt in mehreren Sprachen zur Verfügung:

Ab sofort sind Übersetzungen in Englisch, Bosnisch/Serbisch/Kroatisch, Türkisch, Arabisch, Italienisch, Farsi, Russisch, Somali und anderen Sprachen abrufbar. Ebenso verfügbar ist eine Version in „Leichter Lesen“.

 

 

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Der Münchner Cartoonist MARKUS GROLIK hat uns ganz spontan dieses Cartoon zur Veröffentlichung auf der Kinderschutz-Homepage kostenlos zu Verfügung gestellt.

Danke dafür!

Mehr von Markus Grolik auf https://cartoongrolik.blogspot.de

 

 

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Noch keine Maske? Selbst nähen ist cool! Anleitungen findet Ihr hier bei maskeauf.de ...

 

Männer in der Corona-Krise? - hier Tipps von der Männerberatung Wien

 

 

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Und ab heute schreibt auch Anna Schwitzer im Logbuch...

Wien, 28.03.2020

Für manche unserer Klient*innen hat sich gar nicht so viel geändert seit der "Corona-Krise"

Eine junge Erwachsene, Elisa, berichtet mir davon, dass sie diese Zeit sogar als entlastend erlebe. Bereits vorher hat sich ihr Leben vor allem in ihren vier Wänden abgespielt.

Sie war virtuell sehr vernetzt, persönliche Kontakte mit Gleichaltrigen fanden selten statt, und wenn, dann war das ein Wochenhighlight!

Diese Highlights fallen jetzt natürlich weg. Deshalb meint sie, habe sie auch mir weniger zu berichten als früher- jetzt bei unseren wöchentlichen Telefongesprächen. Gesprächsmaterial findet sich aber doch stets. Manches kann, so habe ich das Gefühl, sogar einfacher Thema werden, wenn wir uns nicht gegenüber sitzen, sondern jede in ihrem „Home-Office“, miteinander telefonierend.

Durch die nicht stattfindende Uni hat Elisa nicht mehr so sehr den Druck, ständig topvorbereitet sein zu müssen. Ihre Aufgaben erledigt sie pflichtbewusst, aber es bleibt ihr auch durch die wegfallenden Wege und Prüfungen mehr Zeit, ihren virtuellen Hobbies nachzugehen: sie schreibt gerne, hat einen Blog. Es fühle sich gut an, mehr Zeit zu haben für ihr Schreiben, meint sie, und nicht ständig ein schlechtes Gewissen haben zu müssen, wenn sie stattdessen die Uni ihrem Gefühl nach „vernachlässigt“.

Natürlich sei es schade, dass sie niemanden treffen könne, aber das komme ja wieder.

Auch Elisas Eltern sind aufgrund von Arbeitslosigkeit zu Hause, aber das sei auch schon eine längere Zeit so, und deshalb fühlt es sich auch nicht anders an als vorher. Geld war auch schon vorher Mangelware, aber sie haben es immer irgendwie geschafft. Ihre Mutter sei zwar gestresster als sonst, auch was die Wirtschaftslage betrifft - aber solche Phasen kenne sie von ihr. Die Wohnung, in der sie leben, ist zwar nicht besonders groß, aber auch das sei sie gewohnt, das gehe schon irgendwie.

An Elisas Beispiel wird sichtbar, dass manche Situationen und Lebensumstände, die in "normalen" Zeiten für manche besorgniserregend, belastend, alarmierend waren, in Corona-Zeiten plötzlich alltäglich, gewöhnlich, erwünscht sind. Wenige Kontakte zu haben ist jetzt gut, virtuell vernetzt zu sein wichtig, etwas alleine mit sich anfangen zu wissen ideal.

Elisa lebt ein Leben, das im Moment genau so erwünscht ist. Wenn wieder Normalität Einzug in unseren Alltag nimmt, wird ihre Situation vielleicht wieder anders bewertet.

Es kommt eben immer auf den Bezugsrahmen an.

Anna Schwitzer

 

Wien, 27.03.2020

Einige von uns werden sich anstecken, mein Kind!

„Bleibt gesund!“ – das ist die Standard-Verabschiedung in diesen Zeiten – am Telefon, bei jedem Email, nach dem Chat.

„Bleibt gesund!“ - das ist auch gut so! Das ist rührend, es vermittelt aber einen falschen Eindruck: Nämlich, dass wir so etwas – gesund Bleiben - in der Hand hätten.

Nur oft genug Händewaschen und beim Einkaufen Abstand halten und zuhause bleiben. Alles richtig! Aber es wäre fatal zu vermitteln, dass nur jene krank würden, die sich an diese Regeln nicht hielten. Einige von uns werden trotzdem krank werden. Und sie sind nicht „selber schuld“!

Denn der einfache Blick auf alle Kurven von Fachleuten aller Art zeigt auch unmissverständlich eines – aus unserer jetzigen Sicht wird die Kurve auf jeden Fall erst einmal ansteigen - langsamer oder schneller, steiler oder flacher. So viel muss klar sein: es bleiben nicht alle gesund!

Alles ist hier in Wien so vorbereitet, dass wir uns darauf verlassen können, dass die Ansteckung kontrolliert ist und jenen, die dringend Hilfe brauchen, geholfen wird.

Aber – einige von uns werden infiziert werden. Und wir müssen mit unseren Kindern – neben allem Aufklären über Vorsichtsmaßnahmen – auch darüber sprechen, dass der Fall eintreten könnte, dass jemand aus dem Familien- oder Freund*innenkreis „positiv“ ist.

 

Was sagt man nun einem Kind hierzu?

Wieder versuchen wir zunächst einmal zu verstehen, wie Kinder Informationen verarbeiten und diese im eigenen Denken weiterspinnen. Und aus diesem Verstehen heraus abzuleiten, was das Nötigste ist, das man ansprechen sollte. Wieder gilt es zu vereinfachen!

Ich vernachlässige also Wahrscheinlichkeits-Berechnungen darüber, wie viele Infizierte statistisch nachweisbar symptomlos sind. Ja. ich weiß, dass es auch bei jungen  Patienten letale Verläufe gegeben hat. Und ja, ich habe von den Vorgängen in Bergamo gehört.

Wenn wir Kinder allerdings nur mit Horror-Informationen überfluten, produzieren wir nur Panik!

Vor allem, wenn es dann zum unerwünscht Unerwarteten kommt – dass eine oder einer der Erziehungsberechtigten positiv getestet wurde. Dann, wenn die Fantasie vom Tod und von norditalienischen Verhältnissen schon im Raum steht, ist es nämlich zu spät zu sagen: „Manchmal ist es übrigens doch gar nicht so schlimm!“

Noch einmal: was Familien jetzt brauchen ist nicht düstere Prophezeiung! Im Gegenteil - alles, was entspannt und das verengte Familienleben vielleicht sogar lustvoll macht, das ist jetzt gut!

 

Also einfache Botschaften für Kinder unter 10 Jahren:

  • Es kann sehr gut sein, dass jemand von uns den Corona-Virus bekommt.
  • Sie oder er hat dann Husten, Fieber (je nach Alter beschreiben Sie bitte die Symptome, die medizinische Fachleute als typisch nennen, und nicht zu viele…, und nicht ausgerechnet solche, die das Kind momentan vielleicht gerade hat – Schnupfen z. B.)
  • Wer den Corona-Virus bekommt, muss gar nicht krank werden. Es gibt viele, die haben den Virus, aber die haben gar keine Beschwerden. Das heißt: denen tut gar nichts weh. Die merken es gar nicht.
  • Dann gibt es einige, die sind angesteckt – die haben den Virus auch, aber die haben nun ein Paar Beschwerden. Es geht ihnen nicht gut, aber sie werden gesund, wenn sie zuhause bleiben, viel schlafen, Medizin nehmen und viel Obst essen (zählen Sie einfach alles auf, was Ihrem Kind vertraut ist - was Sie machen, wenn Ihr Kind z. B. eine Grippe hat!).
  • Für uns alle ist es gut, wenn wir mit denen, sie sich angesteckt haben, für eine Zeitlang (14 x schlafen?) nicht zusammenkommen. Dann werden die schneller gesund, und andere bekommen den Virus nicht. Das ist doof, aber das ist für uns alle besser so!
  • Bei einigen ist es schlimmer! – Die müssen ins Krankenhaus. Da helfen ihnen sehr mutige Krankenschwestern und Pfleger, Ärztinnen und Ärzte und Zivildiener, damit sie bald wieder gesund werden.
  • Und die Super-Nachricht ist die: Wenn die, die krank gewesen sind, dann wieder gesund sind – dann können sie auch nicht wieder krank werden! Und dann könnten die auch anderen, die sich gerade angesteckt haben, helfen. Weil sie ja nicht mehr krank werden können!
  • Ja - und wenn es mal so ist, dass wir eine oder einen, den wir lieb haben, nicht mehr sehen, umarmen, knuddeln und trösten dürfen? Mit denen würden wir dann telefonieren, uns auf What`s app sehen - und vielleicht auch mal wieder einen Brief schreiben. Oder eine Postkarte.


Und wenn Ihr Kind dann fragt, was das ist? Eine Postkarte? – Dann haben Sie ja wieder etwas zu tun, wenn Sie sich in der häuslichen Quarantäne langweilen!

Holger Eich

 

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Hier eine Empfehlung für ein Video der Gemeinde Wien, in dem kindgerecht über den COVID-19-Virus informiert wird. Sehenswert!

 

Und beim Westdeutschen Rundfunk gibt es spannende Beiträge vom Team der SENDUNG MIT DER MAUS zum Thema Corona, unter anderem spricht der deutsche ISS-Kommandant "Astro-Alex" Gerst darüber, wie es ist, lang mit anderen auf engem Raum zu sein...

 

 

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LOGBUCH   Tag 7

Wien, 25.03.2020

Abstand aus Liebe?

Kinder gehen mit Informationen anders um, als wir Erwachsene es erwarten. Sie sind keine Festspeicherplatte, auf der man etwas einmal absichert und dann zu jedem späteren Zeitpunkt unverändert wieder abrufen kann. So funktioniert das menschliche Gehirn nicht. Wir sprachen schon davon.

Was sind aber die Informationen, die für Kinder zum jetzigen Zeitpunkt notwendig sind? Die wir Erwachsene uns bemühen sollten, den Kindern zu vermitteln? Und am besten so, dass sie sie möglichst auch richtig begreifen?

Wir mischen uns dazu übrigens hier nicht in die virologischen Expertisen und politischen Empfehlungen ein. Selbst ernannte Laienvirologen gibt es inzwischen schon genug! Es geht darum, die Strategie des Umgangs mit dem Virus, die von den medizinischen Expertinnen und Experten sowie den dafür gewählten Politikerinnen und Politikern für vernünftig befunden worden sind, solidarisch mitzutragen, sie zu vermitteln und bei deren Realisierung behilflich zu sein.

Aus der Sicht des Kinderpsychologen sind dies vor allem zwei Kernpunkte: Der erste, für Kinder am wenigsten nachvollziehbare, ist das Gebot des Distanz-Haltens. Den zweiten kriegen wir später!

Das Gebot des Distanz-Haltens ist nun einmal gegen alle bisherige Erfahrung, gegen jede „gesunde“ Intuition. Kinder, eigentlich alle Menschen, die „sicher gebunden“ sind, suchen in Momenten der Angst, Verletzung, Traurigkeit und Irritation bei einer Person, die ihnen Sicherheit vermitteln kann deren Nähe. Wir Kinderpsychologen nennen diese Leute „Bindungsperson“. Nähe vermittelt Sicherheit! In der Nähe der Bindungsperson entspannt sich das Kind - die Hormone, die Stress anzeigen, werden langsam weniger. Das Kind wird „chillig“ und kann sich, nachdem es erst einmal im „sicheren Hafen“ emotional „aufgetankt“ hat, wieder neuen Abenteuern widmen und erneut „in See stechen“.

Diese Darstellung ist zugegebenermaßen sehr vereinfacht. Aber wie gesagt, muss Information momentan dosiert werden. Mein Eindruck ist, dass wir derzeit mit zu viel Information eingedeckt werden und damit eher aufgeregt und verunsichert werden. Für die Herrschaften aus der Fachkollegenschaft: wie andere „Bindungstypen“ mit der Krise zurecht kommen, davon schreibe ich gerne später weiter. Ich denke, wir werden noch viel Zeit in diesem Logbuch verbringen…

Dass aber nun eine Bindungsperson Nähe verweigert, plötzlich darauf besteht, dass das Hilfe oder Schutz suchende Kind ihr nicht nahe kommen möge, das ist für das Kind neu. Es wird es intuitiv als Ablehnung verstehen: „Mama mag mich nicht mehr“. Etwas ältere Kinder werden sich womöglich auch denken: „Was habe ich falsch gemacht, dass der Papa mich nicht mehr in den Arm nimmt und tröstet?“ - Weil die Zurückweisung von Nähe in unserer Erziehung oft als Reaktion auf unerwünschtes Verhalten der Kinder eingesetzt wird. Man spricht verniedlichend dabei gern vom „Liebesentzug“. Es ist für die meisten Kinder eine Strafe. Das Distanz-Gebot, das nun gefordert wird, ist also etwas, das wir den Kindern früh genug begreifbar machen sollten.

Das mag in einer Familie, in der sich alle gesund fühlen und in selbstgewählter Quarantäne befinden, nicht zwangsläufig ein Thema sein. Übrigens auch nicht in einer, in der bereits alle infiziert sind. Schwierig ist es, wenn eine Person infiziert ist und im selben Haushalt verhindert werden soll, dass sich andere anstecken.

Bevor es zu einer solchen Krise überraschend kommt, also solange alle noch gesund sind, sollte man mit den Kindern über die Distanzregeln sprechen. Damit sie sie im Falle des Falles schon einordnen und damit besser ertragen können.

Gibt es gute Bilder, um den Kindern die Auswirkung von zu viel Nähe in besonderen Gegebenheiten nahezubringen? Ein deutscher Kollege schlug vor kurzem im ZDF-Morgenmagazin vor, Kindern mit Hilfe von Domino-Steinchen die Thematik zu erklären. Es geht um die Illustration der bekannten Kettenreaktion: Wenn man eine Strecke von aufrecht stehenden Steinen so aufstellt, dass sie eng beieinander stehen, stoßen sie sich nacheinander um und liegen am Ende gemeinsam am Boden. Beim Spiel der eigentlich gewünschte Spaß-Effekt!

Lässt man viel Abstand zwischen den Steinen, so fällt der erste um, die übrigen bleiben stehen. Im Spiel langweilig, aber für die Situation, über die wir ja eigentlich sprechen sollten, das eigentliche Ziel: dass wir uns nicht gegenseitig umhauen.

Das verstehen die Kinder, weil es an Erfahrungen ansetzt, die sie schon kennen und die sie – wenn man die Dominosteine auch mal wieder zuhause auspackt und mit dem Kind damit spielt – mit eigenen Händen ausprobieren können. Es wird „begriffen“.

Wenn man schon beim Spielen ist, kann man ja auch noch Reaktionsketten mit Bausteinen aufstellen, dickere und dünnere ausprobieren, Türme bauen, mit Matchbox-Autos Reaktionsketten machen. Und Spaß haben. Ach ja, und dann gibt es auch ziemlich coole Videos von Domino-Stein-Meisterschaften auf Youtube.

Es könnte hier der Eindruck entstehen, dass durch solch einen eher spielerischen und vereinfachenden Umgang mit dem Thema der Ernst der Lage verniedlicht werden solle. Das Gegenteil ist der Fall – indem wir das Thema für Kinder spielerisch greifbarer machen, helfen wir dazu, dass sie Zusammenhänge wirklich verstehen und sich vor allem entspannen. Entspannung ist in Momenten der Krise das erste Gebot!

Die gute Nachricht hierbei ist - Kinder verinnerlichen neue Regeln meistens recht rasch. Simone beispielsweise war etwas überrascht, als die Großmutter, die immer pedantisch darauf bestanden hatte, dass die Enkeltochter ihr bei der Begrüßung die Hand schütteln und dabei freundlich lächelnd in die Augen blicken muss, nun plötzlich etwas panisch meinte: „Bitte keinen Händedruck!“ Sie haben sich dann darauf geeinigt, dass sie sich die Hände drücken, ins Bad gehen und jede sich solange die Hände wäscht, wie es dauert, bis sie „Der März ist gekommen, die Bäume schlagen aus“ fertig gesungen haben. „Warum haben wir das eigentlich nicht immer so gemacht?“, hat Simone dann gefragt.

Gute Frage!

Holger Eich

 

LOGBUCH TAG 6

Wien, 24.03.2020

Sonja erklärt mir die Sache mit dem Carola-Virus

Ich ahne, dass ich weiß, worüber sie redet. Und ehrlich gesagt weiß auch ich nicht, warum dieser lästige Virus mal Corona heißt und dann wieder Covid. Also nennen wir es eben mit Sonja, die ja eben nun mal erst fünf ist - „Carola“.

Mit Carola verhält es sich jedenfalls so: Wenn man das schluckt, muss man speiben. Und dann platzt der Popsch und dann wird man tot.

Deswegen soll man sich immer die Hände waschen und Zähne putzen. Soweit so gut. Und jetzt spielen wir wieder!

Ein typischer Fall von Desinformiertheit? Fake-News? Oder? Was erklärt uns da ein Kind? Was geht in ihr vor?

Warum der Virus Carola heißt, darüber kann man spekulieren: Heißt das Mädchen aus dem Kindergarten so, das ihr Emil, in den sie „verknallt“ ist, weggeschnappt hat? Oder ist es ein einfach ein vertrauterer Klang als jener, der an den Lichtkranz der Sonne erinnern soll - von dem Sonja freilich auch noch nichts weiß…

Sonja jedenfalls tut das, was alle Kinder tun mit dem, was sie „aufgeschnappt“ haben. Sie verarbeitet etwas. Sie hat etwas Neues gehört, und sie ordnet es ein – in das, was sie schon kennt, was sie zu verstehen glaubt, was ihr – mag es richtig oder falsch sein – vertraut ist. Sie erklärt sich die Welt, damit sie sich in ihr zurechtfinden kann. Und da entwickelt sie eigenständig Theorien.

Die mögen uns abstrus erscheinen. Aber wenn sie für Sonja ausreichen, um sich zurecht zu finden, dann sind sie eben gut genug! Und dann kann sie weiter spielen.

Sonja hört aber nicht nur, sie spürt auch! Und sie spürt, dass um sie herum etwas Neuartiges passiert. Sie spürt auch, dass das bedrohlich ist. Dass es ihren Eltern Angst macht. Sie hört vom Tod.

Von dem hat sie vielleicht früher schon mal gehört. Der Tod ist nichts Gutes! In Sonjas Umfeld ist womöglich schon mal jemand gestorben, der Opa, der zu alt war; die Mama, die zu krank wurde. Sie weiß dann, dass jemand, der gerade noch da war, nun nicht mehr da ist. Dass das sehr traurig gamacht hat. Sehr traurig. Dass die auch niemals mehr da sein werden, das kann sie nicht verstehen. Wir, die Erwachsenen, müssten das eigentlich zugeben. Aber wir erzählen Geschichten.

Auch Sonja weiß dazu was: Sie weiß, dass Pippi Langstrumpf keine Mutter mehr hatte, diese aber „oben im Himmel war und durch ein kleines Loch auf ihr Mädchen herunterguckte“. Soviel ist also klar.

Nun hört Sonja von der todbringenden Krankheit. Es ist schwer, nicht davon zu hören. Sie ordnet dass, was sie hört, in ihre bisherige Erfahrungen, in ihre Theorien darüber, wie die Welt, wie das Leben ist, ein.

Sonja weiß natürlich, was es heißt, Fieber zu haben. Sie kennt das – das man speiben muss. Und Durchfall kennt sie auch. Das kennt sie, und sie erinnert sich, dass das – Speiben und immer wieder zum Klo gehen müssen – ganz schlimm ist. Dass sie da weint. Der Papa tröstet sie dann und gibt ihr dann immer eine Spritze in den Mund, die früher nach Erdbeer geschmeckt hat und neuerdings nach Orange. Das heißt Norazehn, weiß Sonja. Dann ist es nach einer Zeit nicht mehr so heiß im Kopf, und man schläft. Und morgens wacht man wieder auf. So könnte Sterben vielleicht auch sein. Nur ohne dass man wieder aufwacht.

Dass Corona nun eher die oberen Atemwege betrifft, die Symptomatik eine andere ist und so weiter und so fort – das ist für ein Kind dieses Alters kaum  begreifbar, wenn es nicht auf eigene Erfahrungen zurückgreifen kann, die mit diesen Informationen zu tun haben. Ein Kind mit Asthma wird auf diese Informationen anders reagieren als ein Sängerknabe mit ausgeprägter Sopranlunge.

Gegen irrationale Ängste helfen rationale Informationen. Das ist richtig, aber auch nur in einem begrenzten Rahmen. Gerade in Krisen, wie wir sie momentan erleben, lassen sich auch viele Erwachsene nicht von vernünftigen Erklärungen beruhigen. Ein Blick in die sog. „sozialen Medien“ genügt, um das zu bestätigen. Es ist vermessen, Rationalität in irrationalen Zeiten ausgerechnet von Fünfjährigen zu erwarten! Sie bekommen zuallererst Stimmungen und Gefühle mit – vor allem, wenn alles um sie herum vom Virus, vom Sterben, vom Tod redet. Sie spüren vor allem unsere Angst.

Was hilft unseren Kindern nun, damit sie sich nicht zu sehr davor fürchten zu sterben und davor, dass ihr Popsch zerreißt? Ja, gewiss: dass wir sie informieren, und das möglichst kindgerecht: Händewaschen sehr gut, in die Armbeuge Niesen passt! Zähneputzen kann wohl auch nicht schaden. Aber vor allem ist wichtig, dass wir bei ihnen sind! Für ihre Fragen und ihre manchmal auch verwirrenden Ideen offen sind, ihnen zuhören und ihnen behutsam erklären, dass es doch etwas anders ist, als sie es gerade vermuten. Dass der Popsch nicht zerreißen wird.

Und ihnen so Geborgenheit und Sicherheit vermitteln. Mehr braucht es gerade nicht!

Holger Eich


LOGBUCH TAG 5 - erster Eintrag

Wien, 23.03.2020

Nun stellt das Covid-19-Virus seit gut einer Woche unser aller Leben auf den Kopf.


In der letzten Woche schlossen endgültig alle Schulen. Kindergärten stellten auf Notbetriebe um, Ausgangsbeschränkungen wurden zunächst empfohlen, dann angeordnet. Betriebe sollen sich auf Home-Office umstellen, Wirtshäuser, Frisöre, Buchhändler – alles bis auf Lebensmittel-, Drogeriemärkte und Apotheken – sperrten zu. Die städtischen Bibliotheken, das Haus des Meeres, das Kindermuseum Zoom, das Planetarium,  der Tiergarten Schönbrunn – alle gewohnten städtischen Ausflugsziele geschlossen! Und auch die Spielplätze sind mit rot-weiß-roten Tatortbändern abgesperrt.


Man darf seine Freundinnen und Freunde nicht mehr besuchen, nur noch mit seinen Geschwistern und Eltern (peinlich!) vor die Tür gehen, und auch dabei soll man darauf achten, sich nicht näher als 1 Meter fünfzig zu kommen. Und das „Fass nicht alles an! Man kann auch mit den Augen schauen!“ der Eltern, das einen schon als Kleinkind beim Einkaufengehen den Spaß verdorben hatte, das ist jetzt plötzlich wieder aktuell. Und diesmal auch berechtigt.


Gottlob ist es heute wieder kalt geworden, nicht so frühlingshaft warm wie am vorigen Wochenende, als es doch noch mal viele in den Prater lockte - auf die Hauptallee! Der Wurstelprater ist Sperrgebiet. Man spricht davon, dass es sogar wieder schneien könnte.


Wie wir Menschen so sind, haben wir zu Beginn der Krise erst einmal versucht, die Betroffenheit zu verbergen, indem wir uns mit Beschäftigung eindeckten. Wer einkauft, hat alles unter Kontrolle! „Hamstern“ war der Ruf der Stunde, und Fleisch- und Toilettenpapierregale waren rasch leergeräumt.


Nun, wo die Lebensmittelgeschäfte eigentlich wieder alles – bis auf Desinfektionsmittel und „Masken“ – anbieten und sich die Regalbretter in unseren Küchennischen oder Kellern vor lauter Dosensuppen und Spaghettitüten biegen, regiert überspielte Ratlosigkeit. Die geräumten Straßen und Plätze wirken gespenstisch, und nun macht sich in den Wohnungen eine psychische Leere breit.

Im Kaufrausch konnte man noch die Illusion von Kontrolle über sein Leben aufrechterhalten. Nun übernehmen Ängste die Macht: einerseits Besorgnis darüber, krank zu werden, Symptome zu zeigen. Oder wenigstens nicht so schnell krank zu werden. Oder nicht so schlimm. Oder sich von mir aus anzustecken, aber bitte erst später. Eben nicht mit allen gleichzeitig.

Andererseits Ängste darüber, wie es nach all dem weiter gehen soll. Heimarbeit - Kurzarbeit - Arbeitslosigkeit? Und dabei laufende Kredite? Alimente. Mieten für mein Geschäft. Und in dieser Stimmung soll ich mit den Kindern "Mensch ärger dich nicht" spielen?


Über all das wollen wir mit Euch / Ihnen reden! Das ist ja das ureigenste Geschäft von uns Psychologen und Psychotherapeutinnen. Aber genau das geht auch gerade nicht! Zumindest nicht so, wie wir es gewohnt sind.


Wenn immer es möglich ist, halten wir inzwischen den Kontakt mit Euch / Ihnen aufrecht. Über Telefon oder Skype oder Zoom - vielleicht fällt uns in den nächsten Wochen auch noch mehr ein. Oder Euch? Haben Sie Ideen?


Aber wir wissen auch, dass das vertrauliche Gespräch in unseren „vier Wänden“ durch nichts zu ersetzen ist. Viele von Euch / Ihnen können nicht in Ruhe telefonieren in ihrer 1- oder-2-Zimmer-Wohnung, wenn Eltern und Geschwister daneben spielen, sitzen, zu- oder angeblich weghören.


Ein Weg, mit Euch / Ihnen in Kontakt zu bleiben, soll dieses „Corona-Logbuch“ werden. In dem wir Informationen geben wollen – darüber wie die Krise von Kindern und Jugendlichen erlebt wird, darüber wie die Belastung und Angst der Eltern sich auswirkt und wie all das verstanden und bewältigt werden kann. Und über jene Stimmungen und Gefühle werden wir schreiben, die wir in unseren verbliebenen Kontakten spüren.

Euch / Ihnen vielleicht ein bisschen aus der Seele sprechen.


Wir freuen uns, wenn Ihr ab und an auf unsere Homepage schaut und mitlest...


Holger Eich

 

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MASSNAHMEN AUFGRUND DER CORONA-PANDEMIE AB 16.03.


Aufgrund des vom Nationalrat am 15.03. beschlossenen Covid-19-Maßnahmengesetzes zur Eindämmung der Corona-Pandemie sind auch im Kinderschutzzentrum – zum Schutz unserer Klient*innen, Ihrer Kinder und unserer Mitarbeiter*innen – einschneidende Maßnahmen zur Reduzierung persönlicher Kontakte notwendig.

Gleichzeitig erweitern wir unsere telefonische Erreichbarkeit, weil wir für die Probleme und Ängste, die mit der Isolation der Familien und den damit zusätzlich einhergehenden Belastungen als Ansprechpartner*innen weiter zur Verfügung stehen wollen.

 

  • Bis auf weiteres wird es keine persönlichen Kontakte mit den Klient*innen im Kinderschutzzentrum geben.
  • Dies gilt auch, wenn wenn Sie sich aufgrund von Vereinbarungen im Rahmen der Unterstützung der Erziehung zu Terminen mit uns verpflichtet haben.
  • Unsere Mitarbeiter*innen werden Sie diesbezüglich telefonisch oder per Email kontaktieren.
  • Sobald unser regulärer Betrieb wieder möglich wird, werden wir dies auf der Homepage veröffentlichen bzw. Ihnen telefonisch oder per Mail mitteilen.

 

Statt 14 Stunden bieten wir nun bis auf weiteres 33 Stunden telefonische Rufbereitschaft an.

Sie erreichen uns nun...

MO, DI, MI, DO  11-18

FR 11-16


Darüber hinaus können Sie uns per Email Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. kontaktieren.

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Unsere Angebote

 

Telefonische Erreichbarkeit aufgrund der Corona-Krise nun erweitert:

 

 

MO, DI, MI, DO  11-18

FR 11-16


 

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